Als ich ein Kind war habe ich viel meiner Oma beim Nähen, Stricken und Häkeln zugeschaut. Leider fehlte mir immer wieder die Geduld. Daher habe ich ganz schnell die Lust daran verloren. Meine Schwester hat die Gabe des Häkelns abbekommen und das frustrierte mich dann noch mehr. Aber aus einem unerklärlichen Grund schaute ich immer wieder bei Oma zu und lies es mir erklären. Nur selber zu nähen war keine Option. Immer wieder hat sie meiner Schwester und mir Kleidung oder Faschingskostüme genäht. Im Kindergarten und in der Grundschule mehr, als in den späteren Schuljahren. Da habe ich auf einmal aufgehört auf mich zu hören und bin stattdessen der Meinung der anderen gefolgt. Wie schlimm das doch sein kann, wenn man seine Seele „verkauft“ habe ich erst in den folgenden Jahren gefühlt. Ich erlebte daher keine schöne Schulzeit. Sie war geprägt von Mobbing wegen meines Aussehen und meinem Wunsch das anzuziehen, was ich gerne möchte, aber den anderen nicht gefiel. Leider lies ich mich darauf ein. Ich hatte damit meine Ruhe und Anerkennung aber keine Freude an der Mode. Selbst zum Fasching ging ich vorgeschrieben, dadurch habe ich bis in 2023 kein Interesse mehr an diesen Veranstaltungen gehabt. Diese aufgedrückte Kleidung hatte kein Gefühl, war kalt und kraftlos. Wenn ich in den Ferien mit meine Oma neue Hosen oder Oberteile kaufen war, war es immer ein harter Kampf zwischen: Was mir gefällt und gefällt das auch den anderen? Oder gibt es dann wieder blöde Sprüche?
Erst in der Berufsschule fand ich langsam wieder zu mir zurück. Verkäuferinnen, neue Freunde – sie sprachen plötzlich von Individualität, was mir gefällt, was ich schön finde, das steht dir aber gut. Ich wusste nichts damit anzufangen und brauchte lange, eh ich wieder mein Gefühl für mich entdeckte. Ich hatte das alles ja schließlich aus Schutz ganz weit weg gepackt und ganz klein gedrückt, damit es ja nicht aus Versehen wieder hoch kommt und ich „Ärger“ von den anderen bekam.
Irgendwann wollte eine Freundin eine Hülle für ein Sitzkissen für ihren Sohn zur Einschulung nähen. „Bine, kannst du mir helfen? Ich habe die Nähmaschine meiner Mama und weiß aber gar nicht wie das geht.“
Und dann war es wie Magie, alles kam an die Oberfläche. Das Wissen über das Nähen und die notwendige Geduld waren auf einmal da. Ich sagte „Du pass auf, ich kann dir sagen, wie man näht, aber ich kann die Maschine nicht bedienen. Wenn wir uns rein teilen müssten wir es hinbekommen.“ Und so war es. Ich bereitete den Stoff vor, sie bediente die Nähmaschine. Das Kissen samt Hülle hat die komplette Grundschulzeit überstanden und existiert noch heute. Wir denken beide gerne an diesen Tag zurück 🙂
Nach diesem Wochenende mit der Kissenhülle rief ich meine Oma sofort an und berichtete ihr, was passiert war. Sie war total überrascht, wusste gar nicht was sie sagen sollte aber freute sich über alle Maßen. Am darauffolgenden Wochenende lud sie mich zu sich ein und übergab mir dann ihre lang gehegte Nähmaschine und kompletten Nähutensilien. Es war traumhaft. Ich fühlte mich auf einmal wieder und kann seit dem meiner Kreativität freien Lauf lassen. Bin ich gesund und nicht auf Reisen sitze ich jeden Tag an der Nähmaschine und nähe etwas. Es ist wie eine Sucht, die mich aber nicht auslaugt sondern mein Herz erfüllt und glücklich macht. Ich entspanne – selbst beim Auftrennen mittlerweile 😉 Das möchte etwas heißen. Auftrennen macht man ja meist nur, wenn man vorher nicht im Moment und bei der Sache war. Daher ist Nähen für mich auch ein wunderschöner Gradmesser, wie es mir gerade geht.
Es gibt Dinge, die ich intuitiv nähe ohne Ausmessen, ich sehe es einfach. Ich messe dann nach und schmunzle, weil es wieder auf den cm passt.

PS: Der kleine Nachtrag zum Fasching, wie man bei uns sagt. Letztes Jahr las ich im WhatsApp Status einer Bekannten den Aufruf, dass sie eine Karte zum Fasching am Abend übrig hatte und irgendwie fühlte mich gerufen. Ich schrieb sie an und bekam die Karte. Dann saß ich da und musste mir ein Kostüm besorgen und ich dachte mir, ich mach das jetzt einfach mit den Mitteln die ich habe. Ich ging in ein Kleidungsgeschäft, von dem ich wusste, dass es auch Faschingsutensilien gibt. Dort fand ich eine Polizeimütze und mit einem blauen Jumpsuite aus meinem Kleiderschrank war ich auf einmal eine coole Polizistin. Es war ein grandioser Abend. Mir war alles um mich herum egal. Ich war ich und strahlte das aus. Um mehr ging es an dem Abend nicht mehr. Nur um mich selbst und darum zu mir zu stehen. 14 Tage später war ich bei der zweiten Faschingsveranstaltung in meinem erwachsenen Leben. Es war wundervoll. Das kleine Schwarze passte zum Motto der „20er Jahre“ und ich erlebte mit meiner Freundin einen wunderschönen, lustigen und befreienden Abend. Es ging nicht darum, was andere sagen. Einfach ich sein, das kann für den einen normal und für die andere ein schwerer Akt sein. Aber beide Abende haben mich in diesem Punkt geheilt.
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